WELTMUSIK IM FÄRBERGASSL

Text für 1 Erzähler & Weltmusik

 

1 BAROWSKI  

Barowski ist schon immer hier gewesen. Geboren im Färbergassl 7, 200 Meter die Strasse runter die Schule absolviert und betreibt seit 32 Jahren den Zeitungsladen schräg gegenüber. Barowski kennt die Welt. Barowski kann man nichts vormachen. Er hat jeden Winkel des Universums, das Färbergassl heißt, schon durchstöbert. Und alle Wahrheiten gefunden. Deshalb weiß er auch, dass es außerhalb des Färbergassls nichts gibt, rein gar nichts. Die Erde ist keine Kugel, keine Scheibe - es ist eine vertikale Welt. Oft schaut er hinauf in den Sternenhimmel und lächelt wissend. Folge seinem Blick, wenn du ihn triffst. Das tun alle hier. 

2 ROSITA  

Im 2.Stock, Nummer 22, lebt Rosita. In ihrer Jugend Schönheitskönigin. Wenn’s dunkel wird, steht sie im langen schwarzen Abendkleid am Fenster und träumt hinaus. Auf ihrem Kopf der schwarze Hut, von dem ein Schleier fällt und die Augen verdeckt. Steht da, als warte sie nur darauf zum Tanz aufgefordert zu werden. Denn sie weiß, irgendwo in der Gasse gibt es ihn: Schwarze Locken umrahmen sanfte Augen; eine kühn geschwungene Nase über einem Mund, der ihr Liebe und den schönsten Tanz ihres Lebens verspricht. Sie weiß, sie wird ihn finden. Irgendwo wird er auf sie warten, hier im Färbergassl. Er muß hier sein, denn da draussen gibt es nichts, rein gar nichts. So steht sie hier und träumt in die Dunkelheit. Schon seit 42 Jahren. Schick einen Gruß hinauf, wenn du vorbeigehst. Das tun alle hier.

3 FABIAN  

Hoch oben ragt ein Fabelwesen aus dem Mauerwerk. Eine Gesichtshälfte von Regen und Wind geschliffen. Aber ein steinernes Auge blickt immer noch voller Sehnsucht über die Dächer, als gäbe es da draussen doch etwas. Man erzählt sein Name sei Fabian. Ein unruhiger Geist seinerzeit. Habe tatsächlich etwas gesehen und sei bei diesem Anblick zu Stein geworden. Manche flüstern auch, dass er nachts am Leben ist und nur am Tage aus Stein. Irgendwann wird er herabstürzen. Also schau’ nicht hinauf und mach einen Bogen. Das tun alle hier. 

4 SEUFZER  

Dort, wo die Gasse eine kleine Verbeugung macht, führt die venezianische Brücke über den Kanal, den es hier noch nie gab. Ein Seufzer ins Nichts. Obwohl manche behaupten, an besonders nebligen Novembertagen könne man leise Musik von drüben hören.  Niemand hat sie je überquert. Bleib respektvoll vor ihr stehen. Und lausche hinüber. Das tun alle hier. 

5 JINNI  

Das Haus der Illusionen, wo man immer mit einem offenen Auge schläft. Jeder kennt jeden und geht diskret, ohne zu grüßen aneinander vorbei. Und jeder kennt Jinni, die einzige schwarze Schönheit der Welt. Und Jinni kennt jeden. Sie hat immer alles so genommen, wie es kam. Sah es auch nie kommen. Nahm nichts in die Hand, sondern gleich in den Mund. Selbst die Moralwächter hier, die behaupten, sie tauge nichts, geben unumwunden zu: sie sieht verteufelt gut aus. Und pfeifen ihr heimlich und seltsam still hinterher. Das tun alle hier.

6 HAUCH  

Unterm Dach wohnt ein schweigsamer Mann. Man sieht ihn selten im Gassl. Angeblich sei er vor vielen Jahren schlafend vor Barowskis Zeitungladen aufgefunden worden. In seiner Hosentasche ein dickes Bündel Geld. Kein Wort hat er seitdem gesagt, weder wo er noch das Geld herkäme. Aber in seinen Augen kann man lesen, dass er auf eigene Weise glücklich ist. Oder unglücklich, sagen andere.Kurz nach Mitternacht hält er ein dickes geschnitztes Rohr an die Lippen und bläst wundersame Klänge. Dann schwebt ein sanfter heißer Hauch über die Fassaden. Hör’ ihm zu, wenn Du nachts nicht schlafen kannst. Das tun alle hier.

7 BILDER  

Im Atelier malt der Künstler Bilder vom Himmel. Das ist sein einziges Motiv. Himmels-gesichter mit purpurroten Wolkenfetzen, Himmelsstückchen mit sonnendurchtränkten Windschleiern und manchmal zeigt die Leinwand einfach nur das Blaue; mal hell mal dunkel. Im Hinterzimmer stapeln sich hunderte unverkaufte Himmel. „Irgendwann kommt die Zeit, in der jeder einen Himmel braucht“, sagt der Künstler und taucht den Pinsel in einen Farbtopf mit Himmelsschwärze. Einmal im Monat zeigt er seine Werke in der eigenen Galerie. Die Besucher treten dann einen Schritt zurück, starren auf die Leinwand, fachsimpeln und kichern ein bißchen.Das tun alle hier.

8 HIU 

Fremdartige Gerüche ziehen durchs Gassl. Sie kommen aus dem Laden von Hiu.

Duftkerzen, Seife, Parfüm und Fläschchen mit bunten Flüssigkeiten stehen in seinem kleinen Schaufenster.  Er behauptet, aus einem Land zu stammen, dass sich 100 Jahre hinter einer großen Mauer versteckt habe, und als dann jemand dahinter sah, sei es spurlos verschwunden gewesen. Folge deiner Nase und kauf’ ihm hin und wieder ein Räucherstäbchen ab. Das tun alle hier.

9 SIEBEN FINGER  

Im kleinen Kaffeehaus, Fäbergassl 32, wohnt der Herr Karl. Setzt sich manchmal an’s alte Klavier und spielt verträumte, melancholische Stücke. Spielt auch Töne, die man sonst nicht zu hören kriegt, denn er hat an jeder Hand sieben Finger. Er kennt alles und jeden und verbreitet Tratsch und jede Menge Neuigkeiten. Schwört beim Heiligen Heurigen, dass alles die Wahrheit sei. Aber vielleicht hat er ja auch nur die Wahrheit erfunden. Trotzdem solltest Du ihm zulächeln und vielleicht hin und wieder mit dem Kopf nicken. Das tun alle hier.

10 EINE MÜNZE  

Jeden Morgen gegen 10 Uhr kriecht Charly, der Strassenmusiker, aus seiner Ecke. 

Decken, Pappkartons und die extradicke Wochenendausgabe des Färbergassl-Anzeigers sind seine Bettdecke und Behausung. Dann geht er in die nahegelegene Kaufhaus-Toilette, wäscht sich, putzt die Zähne und macht sich bühnenfein. Anschließend gibt er sein tägliches Strassenkonzert. Singt auch Lieder in Sprachen, die hier noch niemand gehört hat. Wenn man ihn fragt, sagt er, es seien Lieder, die er von seinen früheren Reisen in’s Ausland mitgebracht habe. Nimmt ihm natürlich keiner ab. 

Wirf ihm trotzdem eine Münze in den Hut, wenn du vorübergehst. Das tun alle hier. 

11 VIER DRINKS  

Dem anspruchsvollen Gast bietet Restaurant und Pension Zum Stern ein Willkommen. Es gibt Frischgezapftes und beste Hausmannskost. In einer Nische sitzt immer ein weißer betrunkener Anzug und schwört, dass seine Eltern echte Afrikaner waren. Der Schluss seiner Geschichte ist immer derselbe: „Ich will in einem Jutesack begraben werden. Zwischen den Dünen der Namibwüste. Die Spitzkoppe soll mein Grab-stein sein und vier Schakale sollen mein Grab bewachen“. Die ganze Geschichte dauert 15 Minuten und vier Drinks. Also, wenn Du Zeit hast, dann trink einen mit ihm. Das tun alle hier.

12 NICHTS 

Die kleine Kirche schwingt jede Stunde ihre Glocken und ruft zu Einkehr und Besinnung. Zweimal am Tag klettert der Pfarrer mit einem ungeheuer dicken Buch auf seine Kanzel und donnert den wenigen Besuchern die Weisheit in Gewissen.Er spricht seine täglichen  Worte: Die Gasse ist die Welt. Irgendwann taucht alles und jeder wieder auf. Egal, wo Du hin willst, du bist schon da. Denn hier ist die Welt und außerhalb des Färbergassls gibt es nichts. Rein gar nichts. Glaub einfach dran. Das tun alle hier. 

13 BAROWSKI GEHT NACH HAUSE  

Stille über’m Färbergassl. Die vertrauten Geräusche sind verschwunden und mit ihnen die Menschen. Barowski schließt seinen Zeitungladen ab und geht nach Hause. Sie kommen morgen alle wieder. Wie immer. Denn wo sollten sie auch schon hingehen, wo es doch sonst kein anderes Leben gibt. Und wenn doch, ist man im Färbergassl vor diesem Leben sicher. Das sind alle hier. Obwohl sich Barowski hin und wieder fragt, woher diese Musik kommt, die mit dem Wind hier ständig durch die Gasse weht. Das fragen sich alle hier ……

 

 

Ende