Amseltage

„Der neue Mensch wird ein hörender sein. Oder er wird nichts sein.“ (Joachim-Ernst Behrendt)

 

Nordwest.

Die Amsel singt. Und der Wind weht diese Melodie herüber und dreht die Kompassnadel nach Nordwest: ein Loch im Himmel erscheint. Hoch über den millimetergroßen schwarzen Tannen, wo tagelang die Nebel hängen. Verspricht, dass die Bäume flüstern und der Wind sanft auf der Haut landet. Verspricht, dass die Sonne warm hält und der Mond dir heim leuchtet. Verspricht das Blaue vom Himmel. Da willst du hinfliegen und landen im Zimmer mit hunderten Himmelsspiegeln und hunderten Realitäten. 

 

Zentrum.

Ein Rinnsal zieht um die Pflastersteine und spiegelt ein bißchen Licht. Über ihm reckt das Hotel die Arme in den sternenlosen Nachthimmel, Jahrhunderte alt, mit verstaubten gelben Augen. Am Eck Herrenkonfektion: zwei spärlich beleuchtete Krawatten, Hut, Mantel, Anzug, Schuhe. Gegenüber hält der Kiosk stumm das Neonschildchen vor sich hin, auf dem sein Name steht: K i o s k . Auf der anderen Strassenseite das kleine Cafe; das Wort Milchbar hat man immer wieder überstrichen, aber es ist noch zu lesen. Schließt erst, wenn der letzte Gast gegangen ist. Hier ist das Zentrum: Stadtmitte im Städchen, dass sich in die Enge des Herzschmerzgebirges duckt. Im Rücken der Häuserzeilen quält sich jede Nacht eine hell erleuchtete Schlange die schwarzen Hügel hinauf. Folgt brav ihrem Lichtkegel und verblasst erst, wenn die Fabriksirenen das Tal aus dem Schlaf brüllen. Dann schwenken die Kumpel ihre Henkelmänner und verschwinden schweigend zwischen den Halden. 

Und du sitzt hier oben in der ewigen Brandung des Waldes und siehst hinunter ins Tal. Kilometerentfernt nimmt dich die Schlange mit, bis dir die Augen zufalln. Unter dem Kopfkissen die Ahnung von einem Loch im Himmel und das Fluchen eines Bergarbeiters in dreihundertfünfzig Metern Tiefe. Vielleicht hörst du noch die Amsel. Nachts macht sie das einsamste Geräusch der Welt. 

 

Echte Tränen.

Eines Morgens öffnest du deine Haustür

und die Stadt ist verschwunden und mit ihr das Land

Wohin du auch siehst, nichts liegt vor dir

auch niemand mehr da, den du einmal gekannt

Das Leben hat sich heute Nacht

’was Neues für dich ausgedacht

 

Was kannst du seh’n wenn die Neonlichter ausgehn

was kannst du hör’n wenn die Musikbox nicht spielt

was kannst du fühl’n, wenn sich alles anders anfühlt,

wohin kannst du gehn, wenn nichts mehr ist wie es scheint

und am Ende des Tages der Himmel

ein paar echte Tränen weint

 

Die Tränen verwandeln sich vor deinen Augen

in einen Diamanten, ziemlich klein, doch absolut rein

und in ein paar falsche Perlen, die nichts taugen 

die du für immer und für dich behalten musst

das Leben hat sich heute Nacht

’was Neues für dich ausgedacht

 

Handbuch.

Aus dem 1896 erschienenen Handbuch für Romantiker, Idealisten, Weltverbesserer, Alkoholiker, Automechaniker, Tänzer, Tänzerinnen, Maler, Anstreicher, Altruisten, Filmvorführer, dufte Kunden, Schauspieler und – innen, Musikanten aller Art und sonstiges Gesindel: 

„Wanderer, bist du auf der Suche nach Inspiration, Glaube, Liebe, Hoffnung, Gerechtigkeit, Klugheit, Mäßigkeit, Tapferkeit, Friede, Freude, Eierkuchen, dann finde den schwarzen Druiden im Amselkostüm. Denn nur wenn du dem geheimnisvollen Gesang der Amsel folgst, kommst du dorthin, wo man durch ein Loch im Himmel hinter die Welt schauen kann. Dorthin, wo die Wirklichkeit immer an den Träumen scheitert. Doch sei gewiss, daß du den geheimnisvollen Gesang der Amsel nicht überhörst, denn der Alltags-Scheiß wird dir auf deiner Reise ständig in die Ohren schreien.“

 

Paradiesvogel.

Du hockst auf meinem Dach, sitzt schon lange hier fest

und wartest auf einen Windstoß Richtung Nordwest

Wo dein Fernweh durchs perfekte Himmelblau fliegt und Kinder kriegt

 

Der Abend zieht den Wolkenvorhang zu und lässt

nur einen kleinen Durchblick frei Richtung Nordwest 

ich seh in deinen Augen das perfekte Himmelblau und weiß genau:

 

Du mußt ein Paradiesvogel sein

mußt immer sterben, wenn du landest

du mußt ein Paradiesvogel sein 

flieg weiter und zeig, wie du die Welt verwandelst

Spring über einen Besen und zähl dabei bis drei

spring über irgendeinen Schatten und du bist wieder frei

du mußt ein Paradiesvogel sein

 

Albert’s Garten. 

Hilversum? Das grüne Auge des Radiogeräts blinzelt. Radio - unerreichbar nah. Die alten Röhren werfen Gestreiftes durch die Radiorückwand in die Zimmerecke. Leuchtende Buchstaben in einem offenen Buch, in dem Menschen reden und singen. Neugierig blätterst du um, springst hinein und hoffst, dass jemand die Buchdeckel zuschlägt. Tut aber niemand. Die Amsel flattert wieder nach draussen, wo die Märchenfee aus einer gewünschten Nacht die Wäsche aufhängt. Wenn sie die Klammern in die Höhe reckt, sieht jeder, dass sie die schönsten Beine der Stadt hat. Wenn du noch länger hinsiehst, kommst du hier nicht weg, bis du mit ihr auf dem Rücken liegst und Grashalme kaust. Hoch oben surren die Telegraphenleitungen und Wolken bauen Figuren. Kein Loch im Himmel zu sehn, noch nicht mal daran zu denken, jetzt, wo man den Himmel mit den schönsten Beinen der Stadt auf der Erde hat. So schnell landet die Sehnsucht. „Es wird kälter, du wirst älter , also versuch’ Wurzeln zu schlagen in der hartgefrorenen Erde.“ Morgens legt sie gern die knisternde Platte von Depeche Mode auf und liest die Werbebeilagen der Zeitungen. Würde am liebsten alles kaufen. Ihre Haut riecht immer nach den Parfumpröbchen der Illustrierten. Kommst du ihr nahe, fühlst du dich wie ein Störenfried, wie ein Stinker in der heilen bunten Wolke. Wenn sie irgendwann mal weg ist, wirst du die Bettwäsche monatelang nicht wechseln. Erinnerung riechen. Aber noch sind die süßen schweren Explosionen zu fühlen. Keine Fragen, keine Antworten, kein Denken, keine Aufregung, nur Erregung. Tu mir die Liebe.

Auf der Terrasse, unter den Zweigen der Weinranke, hockt der Gartenzwerg auf der Gartenbank mit dem gußeisernen Rahmen, immer wieder weiß drübergestrichen, bis der fettgewordene Lack bröselt. Der Himmel macht unter Eiswolken Gefangene. Jemand sagt: „Schau, da is’ ein Loch im Himmel, es wird wieder schön…“ Die Amsel hält den Kopf schief und nickt. 

 

Eisenbahnstrasse 6.

Wenn Großmutter über den Küchenboden ihre Pflicht läuft, vibrieren die Zeiger der Haushaltswaage oben auf dem Schrank. Pingping, pingping. Dieser Küchenschrank birgt Schätze. Ein Würfelspiel mit kleinen Bergmannsfiguren, bei dem der gewinnt, der zuerst im Schacht ist. Man kann sich natürlich auch rausschmeissen lassen, verschüttet werden, an Staublunge krepieren oder so tief gehen bis der Geigerzähler explodiert. Oder Großvaters goldene Taschenuhr, die nicht aus Gold ist. Das Prunkstück ist der kleine eiserne Adler, der sich an eine erbsengroße Kugel krallt. Ein hübsches Andenken aus dem Weltkrieg, als diese Kugel in Großvaters linkes Bein pfiff. Dafür bekam er eine Belobigung für Tapferkeit, eben dieses kleine Souvenir und die Fähigkeit, nie wieder Fußball spielen zu können. Heute muß er nicht weit gehen, um im Gambrinus um die Ecke, wo sich gierig die Flaschenhälse recken, einen zu nehmen. 

Aus dem Kneipenfenster hat man den bevorzugten Blick auf die Eisenbahnzüge, die hier ständig vorbeidonnern. Man kennt sie alle. Das ist der nach sowieso, das ist der aus irgendwo, der 16 Uhrfünfer ist heute wieder mal zu spät….und wenn so eine alte Dampflock vobeikommt, dann lohnt es sich, auf der nahen Brücke zu stehn, den Kopf über die Brüstung zu halten und ihn erst in allerletzter Sekunde vor dem heraufzischenden Dampf zurückzuziehen.

Nur eine Querstrasse weiter ist diese Stelle, von der aus man das obere schmale Fenster sehen kann, unter dem die Bühne arbeitet. Und wenn niemand sonst hier vorbeitrampelt, kann man jedes Wort verstehn, jeden Ton hörn. Es ist keine einfache Bretterbühne, es ist ein Floß, das dich aufs Meer bringt. Starkgezimmert mit Segeln aus Musik. Davor, von hölzernen Pfeilern umrahmt, die Insel der Tänzer. Bald ist wieder Windstille. Warten. Wiederkommen. Aufs Floß steigen, wenn der Frühling den Fluss freisprengt. Amsel, leih mir dein Geflügel.

 

Nordwest 2.

Die Mittagssonne liegt faul auf dem Rasen hinterm Haus. Der Wind weht heimlich eine Melodie herüber und dreht die Kompassnadel nach Nordwest: ein Loch im Himmel erscheint. Hoch über den millimetergroßen schwarzen Tannen, wo tagelang die Nebel hängen. Verspricht, dass die Bäume flüstern und der Wind sanft auf der Haut landet. Verspricht, dass die Sonne warm hält und der Mond dir heim leuchtet. Verspricht das Blaue vom Himmel. 

Als du das erste Mal in die Welt fliehen wolltest, haben sie dich an der Bahnschranke wieder eingefangen. Süden war also die falsche Richtung. Da hingen die Kopfgeldjäger in den Strassengräben und warteten nur auf einen wie dich. Also Nordwest!

 

Bahnhof Haidendorf.

Der Zug legt sich in die Kurve. Bäume, Häuser rasen windschief vorbei. Dann der Blick frei in eine gehauchte Welt. Endstation. Alles seltsam still, verschlafen. Nur eine Krähenstimme kratzt hoch in der blassen Wintersonne. Jesus mit Sonnenbrille und Alice aus dem Wunderland, verkleidet als Fahrgäste, huschen aus dem Abteil. Aus dem Bahnhofslautsprecher krächzt ein Rabe Worte, die keiner verstehen soll. Ein umgeleiteter Intercity senkt den Kopf, stürzt auf Gleis 4 nach vorn und hinterlässt einen Wirbelwind, der dich vor die Tür von Marlenes Tanzlokal bläst. Auf dem Brocken im Harz hats dreihundert Nebeltage im Jahr. Drinnen bei Marlene auch. Hier rufen sich die Gerechten Wahrheiten in die Schlitzohren. Alle gedopt, Leisetreter, aber immer große Buchstaben reden. Hier wehn die Winde der Vernunft eiskalt von Achtern.

Am Ecktisch in der Bahnhofskneipe kichern zwei schwarzgekleidete Werbefachmänner. Haben sich Näschen gezogen und überfallen gerade den Planeten mit Schwarz-Weiss Konfetti. Und Rudi: wenn der mit dem Fahrrad zur Schicht fährt, treten die Chausseebäume ehrfuchtsvoll einen Schritt zurück. Denn Rudi ist der Einzige, der sich mit der Hand in der Manteltasche hoch zu Roß seine Morgenzigarette drehen kann. Einen Stammplatz hat auch Mister Partymachine, der Herausgeber des erotischen Jahreskalenders. Sex ist eine harte Währung, sagt er und zeigt zwölf an den Strand drapierte nackte Monats-Frauen; sehen aus wie erschossen. Sind sie auch, wer lässt sich sonst so kläglich fotografieren. Seine Begleiterin spitzt die dicken Lippen, nippt am Martini und jeder der Umsitzenden starrt aufs Dekolette bis die Halsschlagader auf der Stirn erscheint. Am Tresen bestellt jemand ein paar Wiener mit extrascharfem Senf und hat plötzlich eine Erleuchtung: „Wissen Sie, Menschen essen eben nur Tiere, die sich nicht organisieren können und zu blöde zum Weglaufen sind. Darum gibt es auf Speisekarten auch keine Habichte, Leoparden oder Amseln.“

Das Schönste in Marlenens Tanzlokal ist die kleine Bühne. Es ist keine einfache Bretterbühne. Es ist ein Floß, das dich endlich hier wegbringt, wenn der Frühling den Fluss wieder freisprengt. Ein Floß mit Segeln aus Musik. Davor, von hölzernen Pfeilern umrahmt, die Insel der Tänzer. Manchmal schwebt Carmen herein, die Schutzpatronin aller unmöglichen Träume. Stellt sich aufs Floß und spielt Schifferklavier. Niemand hier hört den geheimnisvollen Gesang der Amsel.

 

Die Kapelle spielt weiter.

Das alte Tanzlokal ist eine Insel 

wo der Meeresboden schwankt

Wir sind Schatten unterm Neonlicht 

und werden nachts seekrank

Hier tanzt die Heilige Carmen 

mit einem Schifferklavier aus Paris

Männeraugen halten sie in den Armen 

mit Sehnsucht und Wermouth im Blick

 

Die Kapelle spielt weiter, jeden Abend ab 10

bis sich die ersten Morgennebel mit uns durch die Strassen drehn

mit uns durch die Strassen drehn

 

Auf Jenny, die Sternenbraut, wartet 

seit Jahren schon Robinson

Doch er kann bei ihr nicht landen 

mit seinem kosmischen Rettungsboot 

In der dunkelblauen Stunde gibt Rudi, 

das ist Tradition,

noch eine Runde für jeden aus, 

der jetzt noch tanzen kann

 

Die Kapelle spielt weiter, jeden Abend ab 10

bis sich die ersten Morgennebel mit uns durch die Strassen drehn

mit uns durch die Strassen drehn

 

Das Tanzlokal ist geschlossen

die Neonschrift flackert nicht mehr

Die Fenster blind, die Bühne leer

doch du kannst das Schweigen hör’n

denn die Kapelle spielt weiter, jeden Abend ab 10

kannst sie immer noch hören, denn die Show muß weitergehn

 

Die Kapelle spielt weiter, jeden Abend ab 10

bis sich die ersten Morgennebel mit uns durch die Strassen drehn

mit uns durch die Strassen drehn

 

Zeebrugge.

Schwerfällig liegt ein riesiger Tanker vor der flämischen Nordseeküste. Wiegenlied vor schwefelgelben Hintergrund.  Unten im wehenden Sand sitzt seit 33 Minuten und 56 Sekunden ein blauer Wintermantel. Unbeweglich, wie erfroren, lauschend. Hier oben in der fünften Etage zieht es bitterkalt durch die Fensterrahmen. In dieser Jahreszeit spenden nur Kaffeemaschinen Trost und Wärme. An der Wand hängt eine billige Kaufhauskopie von Kandinski; verkehrt herum. (kurze Szene auf dem Hotel-Korridor: „Äh, entschuldigen sie, das Bild in meinem Zimmer, also das, äh, naja, es hängt verkehrt herum. Wissen Sie, es steht auf dem Kopf.“Antwort: „Ups. Sonst alles ok ? Wir haben heute ab 19 Uhr Happy Hour im Restaurant. Kommen Sie runter. Je bent gek. Hoe kun je ergeren over zo een stomme kleurige Foto?“ Abgang. Thema beendet. Kandinski lebenslänglich Kopfstand. Draussen am Containerhafen schwenken die Windräder die Arme und setzen Positionslichter. Es ist ein besonderer Moment, wenn Hotels und Saisonläden im Halbdunkel noch verlassener und leerer wirken. Eine Alle-Guten-Geisterstadt. Die Brandung flüstert, der Kellner zieht die Gardinen zurück: „Happy Hour!“ Der blaue Wintermantel vom Strand ist verschwunden. Hat eilig den letzten Zug bestiegen, der ihn wieder zurück in sein Einmachglas bringt. Die Möwen tuscheln leise. Und der Mond, der alte Spanner, schaukelt fröstelnd hoch im Wind und sieht aus wie ein in den schwarzen Nachthimmel geschnittenes Loch. Kein Flügelschlag regt sich. Die Amseln schlafen noch.

 

Roter Mond.

Dein rotes Haar rollt über mein Kopfkissen

sanfte Meeresbrandung legt sich schlafen

Gute Nacht

Wie leichten Seegang hör ich deinen Atem

bring deine Träume in den Hafen

Gute Nacht

Draussen kräht ein Hahn nach alten Zeiten

und ruft leise ins dunkle Land

 

Roter Mond über der Heide

schielst verschwommen durch dein Wolkenband

Roter Mond über der Heide

bist schon wieder voll bis an den Rand

laß noch ein paar Träume runterfall‘n 

 

Durch die Jalousie kriecht Quergestreiftes   

und verliert ein paar Sternentaler in deinem Haar

Gute Nacht

der Ventilator summt leise durch den Raum 

mmmh...

Gute Nacht

Und draussen kräht der Hahn nach alten Zeiten

und ruft leise ins dunkle Land

 

Roter Mond über der Heide

schlaflos hängst du an der Sternenwand

Roter Mond über der Heide

bist schon wieder voll bis an den Rand

laß noch ein paar Träume runterfall‘n 

 

Santa Monica.

Und dann träumst du: vom geheimnisvollen Gesang der Amsel und dazu blauer Himmel und immerwährender Sonnenschein. Davon träumt auch jeder, der gerade mit durchnässten Füßen den Bus verpasst oder nach der Flasche Korn unter der Werkbank gelangt hat. An Bushaltestellen und in Fabrikhallen - da kommen die Träume auf die Welt!

Ein Passagier besteigt die 10.55 Uhr Maschine nach Los Angeles. Ankunft Los Angels Airport, Ortszeit 15.20 Uhr. Ein Taxi highwayt nach Santa Monica. Dort angekommen, zieht er sich die Kopfhörer über und sitzt genau 33 Minuten und 56 Sekunden (solange dauert die Langspielplatte Surf’s Up von den Beach Boys) am Strand. Anschließend erwischt er gerade noch den Flug zurück nach Köln, wo um diese Jahreszeit nur gefrorene Amseln im Schneegeäst hocken. In Santa Monica geht der american dream weiter. Wunderschöne Menschen drängen aus dem Sunshine-Supermarkt in die pazifische Nacht. Hinter der Ocean Avenue treiben Planktonwellen in die helle Mondscheibe. Hi, honey, sagt eine 120 Kilo Schönheit an der Rezeption, it’s Appartement 33! In Appartement 33 warten auf 20 Quadratmetern ein alter Fernseher, eine Matratze, ein Glas Erdnusssbutter, ein Toastbrot und eine Flasche Jack. Die Basis. Von hier aus kann es weitergehn: in der Nachtstille auf den geheimnisvollen Gesang der Amsel warten, im Sonnenschein die bunten Zirkuspferdchen suchen und solange die Himmelsfarbe anbeten, bis dir in so einem perfekten Moment irgendein Penner das Zauberwort „Change! Hast’n bißchen Kleingeld ?!!“ mitten ins Gesicht spuckt. Daran sterben Romantiker immer: An Rotz. Und weit und breit keine Amsel in Sicht.

 

Amerika.

Hey, du setzt mir einen Stern und ziehst mich in deinen Bann

ziehst mich unbegrenzt und locker übern Ozean

Ich werde deine Freiheit berühr‘n

mit den Fingerspitzen an deinem Baseballschläger

Du bist für mich der Freiheitsfackelträger

und ich denk nicht zweimal nach

 

Nur du setzt einen Stern für echte Männer und für echtes Leben

ich will für immer an deinen Lippen kleben

Du bist der allerletzte Schrei, was von dir kommt, werd ich nie vergessen

alles, was von dir kommt werd ich automatisch fressen

and I don‘t think twice, it‘s allright

 

Hey hey jippie heya, ich schwimme nach Amerika

Hey hey jippie eiei, ich bin so frei

Hey hey jippie heya, Gott schütze dich, Amerika

Hey hey jippie heya !

 

Weihnachten.

„Erst reden sie zwei Jahre nicht miteinander und jetzt wollen sie einen auf Weihnachten mit Familie machen. Ihre beiden Schwererziehbaren bringen sie mit. Bitte ?? Natürlich, die kloppen sich um die Geschenke, du wirst es sehn.“

Rudi ist Eigentlichmann. Jobt im Schichtdienst, wollte aber eigentlich Fußballspieler werden, legt sich zwei Steaks auf den Grill, ist aber eigentlich Tierfreund, fliegt einmal im Jahr nach Ibiza, wäre eigentlich lieber mal auf den Bahamas, er trinkt, aber eigentlich will er damit aufhören, er hat 20 Kilo zu viel und eigentlich will er abnehmen und eigentlich so weiter. Er nippt an seinem Wodka: „Warum sind diese Familientreffen eigentlich immer so trist? Klar, wenn man mit einer blöden Gans nichts zu tun haben will, bricht man den Kontakt ab. Wenn die blöde Gans aber deine Schwester ist, was willst du machen? Seit neun Uhr morgens küchelt sie nun schon fürs heilige Abendmahl.“

Das Schlimmste sind die Kinder. Von Zauberern der Verpackungskunst gestaltete Päckchen werden nicht aufgerissen, nein, sie werden von einem barbarischen Laser pulverisiert. Mit einer Gier, die Angst macht. Nach wenigen spannenden Momenten für alle Beteiligten bricht der Sturm los. Das ist meins, so was will ich auch und die kleinen süßen Fäustchen schlagen aus. Warum tut man sich das an, wenns noch nicht mal die eigenen sind ? 

Dann packen die Alten ihre Sprüche aus. Wie’s früher war und heute Scheiße ist. Das erstaunliche daran ist, daß die denken, man  wäre ein kompletter Vollidiot. Sieht man so aus? Einer erzählt, er habe mit seinem neuen Benz auf dem Weg nach Mühlbergen sage und schreibe zweiundvierzig Fahrzeuge überholt. Bis Mühlbergen sind’s grade mal 12 Kilometer. Warum erzählt er das? Was soll man antworten? Oder diese Story von anderer Seite: Damals hab ich mir mein Geld fürs Studium als Bassist in einer Swing-Combo verdient. Wie bitte? Jeder hier weiß, dass er eine Note nicht von einem Fliegenschiss unterscheiden kannst. Warum erzählt er das ? 

„Na? Bist so still, wovon träumst du, mein Junge,“ Walter klopft dir kameradschaftlich auf die 

Schulter. 

“Von einem Loch im Himmel“, antwortest du.“ Und dann mit meiner Amsel durchfliegen. Über uns  Segel aus Musik.“

„Ozonloch?“ fragt der andere.

„Nein,“ sagst du. “Das nicht.“

„Amseln sind schlechte Flieger,“ stellt der Swing-Bassist fest. „Und wo willste landen?“

„Nicht hier...trinken wir was.“

Du willst nichts mehr hören, aber sag mal irgendeinem Onkel, dass er von gestern ist. Oder einfach: Halts Maul! Du bist auf einem konspirativen Meeting und verlierst langsam das Bewusstsein. Man müsste eigentlich aufstehn und sagen: Leute, in meinem Kopf ist gerade wieder das Licht angegangen, ich danke euch, ich danke euch! und dann einfach gehen. Eigentlich müßte es so sein. Schon wieder mal eigentlich. Draussen sitzt bei Minus 20 Grad eine gefrorene Amsel auf dem Fichtenzweig. Aus dem Wohnzimmer fliegt ein Kinderschrei. 

 

 

Ein 15 Minuten Gewitter in der Dickens Road.

Ein schwarzer Vollbart kreuzt die Arme und lässt den Klagegesang der Highländer die Strasse hinunterwehn. Der Milchmann stellt vier kleine Flaschen vor die Tür und flieht vor dem Hund. Wie immer. Die Docks an der Themse sind die Heimat der Arbeitslosen (da war dieser Typ, der jeden Morgen drei Mal so laut er konnte Fuck! in die Brandung schrie; danach hat er sich für den Rest des Tages völlig entspannt hinter sein Bierglas gehockt). Die Eckkneipe mit der ewig spielenden Wurlitzer immer voll besetzt. 

Als am Spätnachmittag das erste Frühlingsgewitter heraufzieht, die Himmelstinte rührt und die Katze ängstlich an den Hund drückt, sind sie plötzlich da. Starten ihre 15 Minuten Show: 

Am Horizont galoppieren Cocktailschirmchen in blitzenden Farben. Mit einem scheppernden Schlag prasseln die Geschosse der himmlischen Marine aufs Dach, prallen zurück und und lieben sich auf den Fensterscheiben. Ein Stück Himmel schwenkt schwarze Fahnen und die Flusskönigin erscheint. Spuckt ihren Hochmut in die Vorgärten, bis die Margeriten ängstlich unter den Blättern verschwinden. Zu ihren Füßen die blindwütigen Windgeister. Jagen einen verirrten Sonnenstrahl die Strasse hinunter, ändern ruckhaft die Richtung und rennen sich die Köpfe an der Tür ein. Käpt’n Fred und seine Luftstrombrigade schütten Weihwasser. Eisschollen fliegen auf einem zitternden Fluss vorbei und zerspringen kreischend über den Dächern. Der Königliche Cricketverein mit weißen Westen versucht zu vermitteln und ein Streichquartett auf Wolkenfüßen spielt Brahms dazu. Dirigiert von Bruder Abendwind, der die Tänzerinnen zum Schlußakkord auf die Bühne holt und die Hinterbacken bläht. Ein kurzer Aufschrei der Flusskönigin und alles läuft rückwärts. Dann: Stille! Und mitten in diese Stille hinein: Der geheimnisvolle Gesang der Amsel!! Hol’ die Milch rein, Zeit für eine Tasse Tee, die Margeriten blinzeln wieder. Die Amsel, die Regenbringerin, zwitschert. Nirgendwo auf der Welt klingen Regenballaden schöner als hier unten in der Dickens Road.

 

Rainbird.

Rain runs free since thursday evening

swinging down submarine way

rain makes the whole world grieving

someone whistles for the end of the day

It’s my old travelling rainbird

my old rainy day mate

got no reply

just watching the world go by

under a wooden sky

 

Rain drops down a tiny ocean 

riding the grey horse that covers the sun

rain comes in whispering motion

down the alleyway someone holds on

It’s my old travelling rainbird

my old rainy day mate

got no reply

just watching the world go by

under a wooden sky

 

Nordwest 3.

Die Amsel singt. Und wieder weht der Wind diese Melodie herüber und dreht die Kompassnadel nach Nordwest: ein Loch im Himmel erscheint. Hoch über den millimetergroßen schwarzen Tannen, wo tagelang die Nebel hängen. Verspricht, dass die Bäume flüstern und der Wind sanft auf der Haut landet. Verspricht, dass die Sonne warm hält und der Mond dir heim leuchtet. Verspricht das Blaue vom Himmel. Da willst du hinfliegen und landen im Zimmer mit hunderten Himmelsspiegeln und hunderten Realitäten. Stellst dir vor, du siehst in den Spiegel und bist eine Amsel.

In diesem Sinne: Guten Flug, ihr Vagabunden!

 

Unten am Fluss.

Sie rascheln leise im Schilf, die gläsernen Flügel stehn still

dunkle Augen in Wolkengesichtern, unten am Fluss

Das bunte Volk hat noch nicht ausgeträumt, die Strömung schickt ein Rettungsfloß

Traumfiguren zerschneiden den Nebel über dem Fluss

Sie treiben vor die Tore der Stadt, ihre Fahrt ist hier zu Ende

sie nehmen das Herz fest in beide Hände und werfen es hoch, hoch in die Luft

Am Morgen fällt aus heiterem Himmel blutroter Regen auf die Stadt

und Gesichter unter Regenschirmen werden wieder Traumgesichter

Sie rascheln leise im Schilf, die gläsernen Flügel stehn still 

Nimm deinen Hut, sie warten noch unten am Fluss...

 

 FIN